Ein ganzes Wochenende im Tiny House

30. Januar 2019Marco Schaller

Wir standen auf dem Malzwiesen-Festival zum ersten Mal in einem Tiny House – sind aber gefühlt keinen Schritt weitergekommen. Jenny ist noch nicht überzeugt, dass der Platz eines Tiny House für uns reichen soll. Woran das liegt? Eigentlich nur am räumlichen Denken und der fehlenden Vorstellung des späteren Objektes. Doch was jetzt? Das Tiny House fertigstellen, einziehen und anschließend schauen, ob es uns gefällt? Natürlich nicht, wir zäumen ja nicht das Pferd von hinten auf. Am besten wäre wohl ein Wochenende in einem Tiny House.

Eine Mitfahrgelegenheit brachte mich einige Wochen später auf die richtige Bahn.
Was mir mitgeteilt wurde, ob Jenny danach endlich überzeugt war und warum wir ganz schön ins Schwitzen kamen, lest ihr in diesem Beitrag.

Wenn einer eine Reise tut…

Lange bevor grüne Großbusse unsere Straßen eroberten oder Diskussionen um die Zukunft der Mobilität aufgrund steigendem Umweltbewusstseins abendliche Talk-Shows füllten, gab es bereits nachhaltige Mobilitätspraktiken. Die Rede ist von dem System der Mitfahrgelegenheit. Der Autofahrer bekommt einen Ausgleich für die gefahrene Strecke, die Mitfahrer kommen schnell und kostengünstig an das gewünschte Ziel. Mit interessanten Gesprächen schrumpft zudem die Fahrtzeit deutlich zusammen, zumindest subjektiv. Also eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Ich selbst nutze das System seit mehreren Jahren, auch wenn der Anteil in den letzten Jahren aufgrund geringerer Fahrten deutlich zurückgegangen ist. Daher suche ich für Reisen auf kurzen, mittleren oder langen Strecken nicht nur Angebote von der deutschen Bahn oder Flixbus, sondern auch von Fahrgemeinschaft.

Auf eben einer solchen gemeinsamen Reise kam ich und mein Reisepartner ins Gespräch und tauschten allerlei Informationen aus, unter anderem auch, wie könnte es anders sein, zum Thema Tiny House.

Das Internet weiß zwar viel - aber nicht alles

„Kennst du die Beiden aus Augsburg?“ war die Frage, die mich doch ein wenig unvorbereitet traf. Als ich nachhakte, stellte sich heraus, dass es ein Pärchen aus Augsburg gab, die sich ebenfalls ein Tiny House bauten. Nein, kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt leider nicht, auch wenn ich die letzten Wochen intensiv die Internet-Suche nach dem Begriff „Tiny House“ bemüht hatte.

Die Rede ist hierbei von Philipp und Steffi, oder anders, von den beiden klugen Köpfen, die sich nicht nur ein eigenes Tiny House gebaut haben, sondern damit den Grundstein für das erste Tiny House Village in Deutschland legten. Hier kann man, ähnlich einem Hotel, ein Tiny House für ein ganzes Wochenende buchen und nicht nur das Wohnen auf kleinem Raum ausprobieren, sondern die Zeit auch gleich für eine Erkundungstour des Fichtelgebirges nutzen.

Überraschungen wollen gut geplant sein

Zum damaligen Zeitpunkt konnten zwei verschiedene Tiny Houses gebucht werden, aber die Kapazitäten waren etwas knapp – die Wartezeit betrug mehr als 6 Monate. Das war natürlich ärgerlich, aber die nächsten freien Termine Richtung März befanden sich ganz in der Nähe von Jennys Geburtstag.
DAS wäre doch mal ein tolles Geburtstagsgeschenk: Wandern, Natur und ein Tiny House Wochenende für uns zwei.

Nachdem ich mich bei Jenny (möglichst unauffällig) vergewissert hatte, dass bisher noch keine Pläne für den Geburtstag gemacht wurden, musste jetzt nur noch der Wunschtermin im Tiny House frei sein. Und tatsächlich: Das Wochenende war noch frei. Die Reservierung wurde kurzerhand online abgeschlossen und die Eltern in die Pläne eingeweiht.
Jetzt musste ich nur noch die kommenden Monate überstehen, ohne in einem unbedachten Moment mit der Überraschung herauszuplatzen. Und derlei Momente gab es zur Genüge.

Das wäre ihre Ausfahrt gewesen

Ich hatte mich bereits diebisch auf diesen Moment und Jennys Gesicht gefreut, als wir die Autobahnausfahrt einfach links, oder besser rechts liegen ließen. Obwohl sie mir gerne das Fahren überlässt, ist sie bei solchen Sachen doch immer hellwach.

„Hast du gerade die Ausfahrt verpasst?“ – „Nein, das war Absicht. Denn wir sind unterwegs zu deiner Geburtstagsüberraschung.“

Ich wollte Jenny zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, dass uns ein Wochenende im Tiny House erwartet. Aber damit hatte ich mir keinen Gefallen getan, denn jetzt war sie richtig angestachelt und wollte unbedingt wissen, wo die Reise hingeht. Ausgedachte Geschichten möglicher Reiseziele im sonnigen Süden halfen wenig, spätestens beim Verlassen der Autobahn fielen diese haltlos in sich zusammen. Doch mit dem Erreichen des Ortseingangsschildes von Mehlmeisel fiel bei Jenny endlich der Groschen.

Alles tanzt nach meiner Pfeife

Auch wenn das Wochenende im Tiny House erst begonnen hatte, war es bereits ein voller Erfolg. Jenny grinste wie ein Honigkuchenpferd und freute sich auf die bevorstehenden Tage. Als Geburtstagskind überließ ich ihr bei diesen daher auch die volle Planung und erklärte mich zu allem bereit.

Bevor wir unser Domizil für die nächsten Tage bezogen, erklärten uns Philipp und Steffi kurz das Tiny House und führten uns herum. Lange brauchten wir aufgrund der Größe dafür nicht. Wir verabschiedeten die beiden für ein ausgiebigeres Gespräch in den nächsten Tagen und kurz darauf standen wir alleine im Tiny House.

Nach der langen Fahrt machten wir uns an die Zubereitung des Abendessens und konnten dabei einen Teil des Häuschens unter die Lupe nehmen und auf Funktion prüfen. Jenny hatte sich bereits nebenbei durch alle Prospekte und Informationsblätter durchgearbeitet und den Plan der nächsten Tage erstellt. Am Esstisch / Couchtisch wurden mir die Vorschläge zum Wochenende erklärt und mehrmals zur gelungenen Überraschung gratuliert. Eigentlich war das gar nicht nötig, sah ich doch an ihrem Gesicht wie sie sich freute.

Die erste Nacht im Tiny House

Viele unserer Freunde wollten später wissen, wie denn die erste Nacht war. Meine simple Antwort: „Gut. Wir haben wie die Murmeltiere (aus-)geschlafen. Das war es auch schon.“
Viel interessanter aber war der Samstagmorgen. Also das Gefühl, als wir die Augen öffneten, aus den kleinen Fenstern auf die Natur schauten und sich bereits wieder diese Glücksgefühle vom gestrigen Abend im Bauch breitmachten. Philipp brachte uns frische Vollkorn-Brötchen vom örtlichen Bäcker und wir frühstückten in der Morgensonne vor dem Tiny House.

Wir ließen bei der Gelegenheit auch gleich die gewonnenen Eindrücke Revue passieren.
Die Größe des Schlafzimmers mit seiner kleinen Lampe.
Die schmale Wendeltreppe, die dorthin führt.
Das kleine, aber clever angeordnete Badezimmer.
Und natürlich auch der Holztisch am großen Fenster, vom dem aus man einen Blick auf das Gelände hat.

Ich hätte alleine wohl den ganzen Tag hier sitzen bleiben und mich einfach nur freuen können. Aber Jenny hatte ihre Pläne gemacht und wurde aufgrund der vorangeschrittenen Uhrzeit langsam ungeduldig. Also die Wanderschuhe eingepackt, Rucksäcke geschultert, Fahrräder gesattelt und los ging es:

Auf Entdeckungstour im Fichtelgebirge

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir mit der Erkundung der Umgebung, die trotz der abgeschiedenen Lage von Mehlmeisel einiges zu bieten hat. Für untrainierte Fahrradfahrer, die jedoch nur ab und an das Rad benutzen, sei hierbei noch auf das sehr bergige Profil der Region verwiesen. Dies kommt einem beim Radeln von Fleckl (am Ochsenkopf) nach Bad Berneck (im Fichtelgebirge) zu Gute, da es ständig bergab geht. Auf dem Rückweg jedoch, kann man Käufer von Elektrofahrrädern durchaus verstehen, denn die Anstiege ziehen sich gut in die Länge.

Bad Berneck bezaubert mit seinen kleinen Gassen und lädt zum Bestaunen historischer Fachwerkhäuser ein. Einige Gehminuten vom Marktplatz findet man den Kurpark, der entweder zum Schlendern oder, am Rande, zu einer Partie Minigolf genutzt werden kann. Verlässt man den Park zur stadtabgewandten Seite und läuft die Ölschnitz flussaufwärts, erreicht man nach einem kurzen Fußmarsch die Turmburg Alt-Berneck; oder was davon noch übrig ist. Interessiert man sich für mehr (stehengebliebene) Substanz, empfehle ich die Burgruine Hohenberneck unweit vom Kurpark.

In den kalten Monaten ist das Fichtelgebirge als Skigebiet ein zentraler Anlaufpunkt vieler Wintersportfans, während der Ochsenkopf auch im Sommer durch einen Single-Bike-Trail sowie ein verzweigtes Routennetz Besucher aus ganz Deutschland anlockt. Mit Hilfe der Seilbahn Ochsenkopf-Süd lässt sich zudem schnell und bequem die Distanz vom Fuße zum Gipfel überwinden.

Aber auch eine Spur langsamer, z.B. als Wanderer kommt man hier ganz auf seine Kosten. Viele Wege führen auf den Gipfel und wollen entdeckt werden. Oben angekommen, kann man sich in der Gaststätte Asenturm stärken oder den gleichnamigen Turm emporsteigen und einen reizvollen Blick über die Landschaft genießen. Auf der Nordseite waren selbst an diesem sonnigen Frühlingswochenende noch große Schneehäufen zu sehen. Ein letzter Gruß des vergangenen Winters.

 

Nur ein Wochenende im Tiny House? Für die schöne Natur eigentlich zu wenig

Den Abschluss unserer Entdeckungstour bildete der Fichtelsee, dessen Besuch uns von Philipp und Steffi ans Herz gelegt wurde. Als wir das klare Wasser sahen und beim Umrunden die grüne Natur durchstreiften, wussten wir warum. Hier konnten wir die letzten Sonnenstrahlen des Wochenendes einfangen und genossen am Waldhotel einen Kaffee mit einem letzten schönen Ausblick auf den See.

Neben all den Sehenswürdigkeiten, Highlights und Ausflügen, gab es nur noch eines, dass uns mehr interessierte. Unsere Unterkunft, das Tiny House in Mehlmeisel.

Das Tiny House Wochenende - Traumhafte Tage auf kleinem Wohnraum

Jennys Antwort auf diese Frage wurde von mir mit Spannung erwartet, konnte ich ihr doch jetzt an einem vorhandenen Beispiel erklären, wie unser Tiny House später aussehen sollte. Und wenn Jenny schon einmal in einem Tiny House steht, musste ich das nutzen.  Also besprachen wir vom grundlegenden Aufbau über Platzierung und Art der Fenster bis hin zu den späteren Bereichen alles bis ins kleinste Detail. An beiden Abenden kamen wir erst spät ins Bett, aber es hat sich gelohnt.

Endlich hatten wir einen gemeinsamen Fahrplan für unser Tiny House entworfen. Im Team lassen sich viele Hürden eben deutlich einfacher nehmen. Sollte einer von uns mit seinen Überlegungen nicht weiterkommen, steuert der andere seine Ideen bei. Und von Jenny kamen gerade ziemlich viele Ideen und Vorschläge, welche alle vermerkt und notiert werden wollten.

Für einen späteren Zeitpunkt konnten wir immer wieder auf unsere Erlebnisse in Mehlmeisel zurückgreifen. Auch der Austausch mit Philipp und Steffi sowie ein Blick in das zweite Tiny House vor Ort brachte neue Erkenntnisse und Denkanstöße.

Ein gelungenes Wochenende im Tiny House

Rückblickend sind wir uns einig, dass das wohl unser tollstes Wochenende seit langer Zeit war. Auch wenn wir erst alles verarbeiten müssen und viel zu planen haben, freuen wir uns jetzt schon auf unser eigenes kleines Tiny House.

Philipp und Steffi von Tiny House Village in Mehlmeisel wollen wir an dieser Stelle noch einmal für ihre offenen Worte und die Einblicke zum Thema Tiny House danken. Eure Gemeinschaft wird ganz bestimmt ein großer Erfolg. Wir freuen uns schon jetzt darauf mit unserem eigenen Tiny House bei euch vorbeizuschauen.

Jetzt geht es für uns aber wieder in die Planung. Wie in unserer Checkliste zu sehen, muss als nächstes unser Lebensstil auf den Prüfstand gestellt werden. Denn sicherlich können wir nicht wie bisher weiterleben, aufgrund des kleineren Raumes ist auch mit Einschränkungen in der Art unseres Zusammenlebens, Kontakt mit Freunden und Familie sowie den alltäglichen Dingen zu rechnen.

Welche Erkenntnisse wir bei einer objektiven Betrachtung unseres eigenen Lebens gewonnen haben, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

 

Marco & Jenny


Bildnachweise

  1. Alle Bilder: Tiny House Tour

Anmerkung: Das Tiny House im Bild gehört zum Tiny House Village in Mehlmeisel. Wir möchten darauf hinweisen, dass von spontanen Besuchen abzuraten ist.
Das Tiny House Village ist nicht nur Hotel, sondern auch Lebensgemeinschaft privater Tiny House Besitzer.
Für die besonders Neugierigen gibt es einen jährlichen Festivaltag sowie die Möglichkeit Übernachtungen im Tiny House zu buchen.
Ungeachtet des Medienhypes um Tiny Houses ist die Privatsphäre der Anwohner unbedingt zu respektieren.

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