Unsere erste Begegnung mit einem Tiny House

23. Januar 2019Marco Schaller

Vorstellungskraft ist etwas Wunderbares. In jungen Jahren mehr oder minder stark angeeignet, begleitet sie uns durch das ganze Leben hindurch und hilft in alltäglichen Situation sowie bei komplexen und langwierigen Projekten. Wie auch bei unserem Tiny House auf Rädern. Auch wenn ich mir das Leben in solch einem kleinen Haus zwar gut vorstellen kann, wäre ein Eindruck von den Abmessungen und dem Gefühl zwischen diesen kleinen Wänden zu stehen, äußerst hilfreich. Auch für Jenny – der immer noch die räumliche Vorstellung vom Traumhaus fehlt. Wie es dazu kam, dass wir zum ersten Mal in einem Tiny House in Berlin standen, ob es uns gefallen hat und wieso wir ab diesem Tag kein normales Bier mehr trinken wollten, lest ihr in diesem Beitrag.

Berlin ist immer eine Reise wert

Nach langer Abwesenheit stand wieder einmal die Bundeshauptstadt auf unserem Reiseprogramm. Allerdings war der Grundtenor beruflicher Natur. Während Jenny zu einer Konferenz musste, hatte ich verschiedene Kundentermine zu absolvieren. Als digitaler Nomade würde ich zwischendurch vom Laptop arbeiten, ein schönes Café reicht dafür, und am Abend würden wir wieder nach Leipzig fahren. Weit gefehlt.

Immer wenn wir beruflich in eine fremde oder auch bereits bekannte Stadt müssen, wird dies von Jenny gerne mit einem Wochenendtrip inkl. Sightseeing verknüpft. Eigentlich praktisch, denn da man ja sowieso schon vor Ort ist, kann man die Zeit nutzen und sein Allgemeinwissen aufpolieren, den persönlichen Horizont erweitern und die Gegend genießen.

Dieses Mal stand bei Jenny allerdings der Karneval der Kulturen im Mittelpunkt. Jetzt bin ich zugegebenermaßen nicht gerade Karneval-Fan; ich feiere zwar mit, aber das liegt eher an der Möglichkeit, wertvolle Zeit mit Freunden zu verbringen. Das angekündigte Regenwetter sowie die Option zwei Stunden am Straßenrand den verkleideten Teilnehmern des Umzugs hinterherzuschauen, wollte in mir irgendwie keine Begeisterungsstürme aufkommen lassen. Da sich Jenny aber auch bereits mit einer guten Freundin aus London verabredet hat, war das Wochenende in Berlin beschlossene Sache.

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Neben den geplanten Sachen, hatte ich natürlich noch kein Highlight (für mich) ausmachen können. Ich habe kein Problem damit, neue Leute kennenzulernen oder verschiedenster Kultur beizuwohnen, doch wollte ich aus dem Besuch zumindest auch mein persönliches Highlight ziehen. Jennys Antennen waren wie so oft sehr sensibel und registrierten meine passive Begeisterung sehr frühzeitig. Der Vorschlag, ich solle mir doch einmal mal den Veranstaltungskalender von Berlin zu Gemüte führen, war kaum der Richtige. Wo fängt man bei dieser riesigen Stadt an und wo hört man auf?

Auf meine Einwände hin, bekam ich Jennys Engagement via Facebook zu spüren. Unzählige Vorschläge möglicher Berliner Veranstaltungen prasselten jetzt auf mich ein. Na dann mal los. Schließlich suche ich doch immer die positiven Momente im Leben, dann kann ich das auch hier. Meine Suche fiel auf ein Event auf dem Gelände der ehemaligen Schultheiss-Werke – das sogenannte Malzwiesen-Festival. Zu dieser Veranstaltung verwandelte sich das ganze Areal in einen riesigen Park der zum Entdecken einlud. Hier war gefühlt alles vertreten: Poetry Slam, Craft Beer Vorträge, künstlerische Ausstellungen und das Ganze innerhalb neugenutzter alter Fabrikgebäude aus roten Ziegelsteinen. Die Ankündigung lies hoffen. Wirklich überzeugt, war ich aber durch einen relativ unscheinbaren Punkt, den ich zudem fast überlesen hätte.

Die heutige Malzfabrik wurde 1914 als moderne Mälzerei durch die Schultheiss Brauerei AG erdacht und war bis 1996 in Betrieb. Seit dem Erwerb durch die Real Future AG im Jahre 2005 sowie der Übernahme der operativen Leitung durch Frank Sippel hat sich jedoch einiges verändert. Das Konzept zur Wiederbelebung und Umnutzung des Industriedenkmals schuf die heutige Malzfabrik, die mit restaurierten historischen Gebäuden, einer großen Parkanlage, einer Aquaponik-Farm und einem modernen Bürokomplex aufwartet. Eine Oase der Erholung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, bei der die Übergänge zwischen Arbeit und Freizeit fließend sind.

Die Wiese summt – ein Tiny House in Berlin

Ich musste die Ankündigung zweimal lesen, aber es stimmte. Auf dem Festival sollte ein Tiny House stehen, dass man nicht nur anschauen, sondern auch begehen konnte. Da war das Highlight.
Also zwei Tickets gebucht, Jenny von dem Plan überzeugt (ja, genau in dieser Reihenfolge) und los ging es!

Am Morgen des Festivals war ich ganz aufgeregt, fast wie ein kleiner Junge von damals, der am Schulanfang endlich seine Zuckertüte in den Händen halten darf. Entsprechend dem, gab es auf dem Weg zum Gelände vermehrt Freudenausbrüche meinerseits begleitet von Jennys kläglichen Versuchen, die Euphorie etwas zu dämpfen.

Was wäre, wenn das Tiny House nicht vor Ort sein würde, weil den Besitzern/Konstrukteuren etwas dazwischenkam? Die, zugegeben, klugen Worte verhallten bei mir jedoch ungehört. Am Eintritt müssen wir durchaus ein komisches Bild abgegeben haben: Ich, als Zappelphilipp, der den Hals immer noch ein wenig mehr strecken wollte um einen Blick auf das Gelände zu werfen und Jenny, die mich zurückhalten musste, damit ich nicht einfach losrenne.

Ein Tiny House in Berlin - Unsere erste Begegnung mit einem Minihaus

Nachdem wir den Eingang hinter uns gelassen haben, betraten wir endlich das Festival-Gelände. Der erste Tagespunkt war klar definiert, Fragen hierzu waren überflüssig. Kurz die Veranstaltungskarte geprüft, Richtung bestimmt und ab die Post. Nur weniger Meter und Minuten später stand es da: Das erste Tiny House, dass Jenny und Ich leibhaftig gesehen haben - und in wenigen Minuten auch betreten würden.

Tiny House in Berlin
Tiny House in Berlin

Es handelte sich dabei um das Holy Foods House des Bauhaus Campus Berlin. Hier wurden und werden zahlreiche unterschiedliche Varianten von Tiny Houses entworfen, die zudem alle einen bestimmten Zweck erfüllen. Aktuelles Modell wartet mit einem Foodsharing-Regal auf und versteht sich als Ort der Begegnung – zumindest im hier und jetzt. Als wir vor Ort waren, befand sich das Tiny House in Berlin noch im Rohbau, zwar bereits mit Fassade, Fenstern und Dämmung, aber bis zum heutigen fertigen Modell verging noch etwas Zeit.

Der erste Eindruck zählt … und bleibt

Wir standen zwar „nur“ in einem Rohbau, bekamen aber sofort ein Gefühl für den Raum, auch wenn dieser mit ca. fünf Metern deutlich kürzer als unsere geplante Version war. Die fehlenden zwei Meter mussten wir uns also vorstellen. Dennoch hatten wir einen wunderbaren ersten Eindruck bekommen und konnten den Eigentümer auch noch zu verschiedenen Details befragen. Unsere Entscheidung zum Tiny House wurde bestätigt und ich freute mich bereits jetzt darauf, die nächsten Schritte zu planen.

Tiny House in Berlin
Tiny House in Berlin

Der Besuch des Festivals hatte sich gelohnt

Durchweg gut gelaunt nahmen wir uns erst einmal Zeit das Festival-Gelände im Detail zu betrachten. Schließlich waren wir ja nicht nur wegen des Tiny Houses vor Ort, sondern auch wegen anderer Veranstaltungspunkte. Und davon gab es noch allerhand zu entdecken.

Ein Highlight war unter anderem die Craft Beer-Verkostung von BRLO. Wir hatten bis dato noch nie derartige Biere getrunken, waren aber von Geschmack und Komposition sehr überrascht. Bekannte Biermarken aus Funk & Fernsehen verloren ab diesem Moment schlagartig an Bedeutung und im direkten Vergleich an Geschmack. Ab diesem Moment probierten wir verstärkt, auch bei Urlauben in fernen Ländern, die heimischen Brauerzeugnisse; gerade Kanada oder Irland haben ein reichhaltiges Angebot und können mit ganz besonderen Geschmacksrichtungen glänzen. Mehr Informationen zu diesem Thema gibt es in einem späteren Beitrag.

Aber auch abseits vom Gerstensaft gab es an jeder Ecke etwas zu entdecken. Außerdem gab es kleine Führungen durch die alten Fabrikhallen des Schultheiss-Geländes, die einem die Geschichte dieser Werke näherbrachten. Die Langeweile hatte an diesem Tage definitiv keinen Einlass bekommen. Unter dem Strich war es ein rundum gelungenes und wirklich entspanntes Festival mit vielfältigen und wunderbaren Impressionen.

Der Tag endet – Das Außergewöhnliche bleibt

Nachdem wir alles, auch teilweise mehrfach, erkundet und ich am Abend die Freude von Rebeccas Bekanntschaft hatte, begaben wir uns zu unserem Nachtquartier. Hier sollte uns etwas Besonderes erwarten. Bei meiner Suche nach Unterkünften auf www.booking.com stolperte ich über das QBE Hotel Heizhaus in Berlin, welches mit kleinen Wohn-Containern, winzigen Wohn-Würfeln und mit, von uns gebuchten, runden Türmen aufwartet – diese Überraschung für Jenny war mir definitiv gelungen.
Nach einer traumhaften Nacht auf engstem Raum, tauschten wir die Stille der Zweisamkeit wieder gegen Großstadt-Gebrüll. Schließlich hatten wir ja noch den Karneval der Kulturen auf dem Plan.

Kein Zirkus wie jeder andere

Seit 1996 wird in Berlin der Karneval der Kulturen veranstaltet - entgegen dem Namen handelt es sich dabei nicht primär um eine Zirkus- oder Faschingsveranstaltung, sondern um ein „Statement für eine offene und tolerante Gesellschaft“. Der große Umzug am Pfingstsonntag füllt mit ca. 4.000 Akteuren die Straßen der Hauptstadt und bietet Raum zur Entfaltung verschiedener Berliner Communities sowie Menschen jeden Alters. Hier finden sich auch kulturell, gesellschaftlich und integrativ aktive Gruppen wieder, egal ob im Kampf für die Umwelt, dem kollektiven Miteinander oder der Unterhaltung verpflichtet.

„Poetisch oder brachial, fein oder laut, raffiniert oder mitten ins Gesicht  ­– zum Karneval kann jeder das sein, was er möchte.“
www.karneval-berlin.de

Die Motive und Akteure sind dabei sehr vielfältig und in jedem Fall eine Reise wert. Doch nicht nur der Umzug konnte durch ein buntes Programm durch sich aufmerksam machen, auch die Ohren bekamen ordentlich etwas zu hören. Von bekannten bis hin zu orientalischen Klängen, verschmolz an diesem Tag alles zu einer als Weltmusik bekannten Melange.

Alle Unklarheiten beseitigt?

Am späten Nachmittag traten wir dann die Rückreise mit tollen Erinnerungen vom Tiny House in Berlin an. Es war ein wunderschönes Wochenende - bis wir das Thema Tiny House Revue passieren ließen und ich mich freudig über zukünftige Pläne aufgrund der gewonnenen Eindrücke äußerte. Leider teilte Jenny meinen Optimismus nicht ganz, da ihr das Tiny House in Berlin doch etwas zu klein vorkam.

Jenny: „Ich finde, wir brauchen etwas mehr Platz.“

Marco: „Unser Haus ist zwei Meter länger, da wird ausreichend Raum vorhanden sein.“

Jenny: „Aber ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass das ausreichen soll!“

Womit wir wieder beim Anfang wären

Man soll den Tag ja bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Und hier hat es sich wieder einmal bewahrheitet. Jetzt haben wir zwar das Tiny House in Berlin gesehen, aber Jenny fehlte noch der letzte Impuls, oder das Raumverständnis, um sich ganz auf unser Projekt einlassen zu können. Für diesen Abend war ich aber auch mit meinem Latein am Ende und ein Ausweg war weit und breit nicht in Sicht.

Die einfachste Lösung wäre, einmal in einem Tiny House Probe zu wohnen und alle Gedanken und Ideen anzusprechen und gemeinsame Lösungen zu finden. Aber wer lässt einen Fremden denn in seinem eigenen Tiny House Probewohnen? Auf die Lösung kam ich per Zufall, als ich mich mit einer Mitfahrgelegenheit über das Thema Tiny House unterhielt.

Welche Information ich bekommen habe, wie Jenny dadurch auch wieder einen größeren Anteil an der Planung übernahm und sich letztendlich die spontane Idee zum Tiny House ein weiteres Stück gefestigt hat, erfahrt ihr im nächsten Beitrag. Seid gespannt, bis die Tage.

 

Marco & Jenny


Bildnachweise

  1. Alle Bilder: Tiny House Tour
  2. Abgebildetes Tiny House gehört zu: Holy Food House, http://bauhauscampus.org/tiny-houses/holy-foods-house/

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