Tiny Living Festival 2019 – Kleine Häuser, großes Programm

13. Februar 2020Jenny Müller

Fridays for Future ist inzwischen eine feste Instanz auf den Straßen Europas. Was dort im Großen thematisiert wird, speziell in den Bereichen Nachhaltigkeit und Klimaschutz, bringt das Tiny Living Festival im Wendland in einem kleineren Rahmen auf die Bühne. Denn bei diesem Festival geht es auch um den bewussten Umgang mit Ressourcen – sei es beim Bau, in der Wirtschaft, dem Konsum oder der Ernährung, erklärt uns Festivalkoordinatorin Nicole Dau im Interview. Warum das Tiny Living Festival 2019 ausgerechnet im Wendland veranstaltet wird, wie es mit den kleinen Wohnformen weitergeht und warum etwas Neues beim Bau nicht immer besser ist, darüber sprachen wir außerdem mit ihr.

Tiny Living Festival: Wer sind die Initiatoren?

Der/die Initiator*innen des Tiny Living Festivals sind eine bunte Gruppe von Menschen aus dem Wendland. Von Künstler*innen über Lehm- und Tiny-House-Bauer*innen bis hin zu Tischler*innen und Gartenprofis. Jede*r bringt auf ihre*seine Art und Weise eine Expertise mit und lässt sie in die Programmgestaltung des Festivals mit einfließen. Die Dachorganisation für das Tiny Living Festival 2019 bildete die Grüne Werkstatt Wendland, ein gemeinnütziger Verein, der Hochschulen, Schulen, Verwaltungen und die regionale Wirtschaft miteinander verbindet.

Tiny Living Festival 2019 - Eine Veranstaltung mit Weitblick

Welche Absicht (Vision) verfolgt ihr mit dem Festival?

Der Großteil der Menschheit wirtschaftet heute alles andere als sozial und nachhaltig. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen das Land verlassen und in die Städte gehen. Dort gibt es Arbeitsplätze, innovative Projekte und Ideen, eben einen gewissen Lifestyle. Dabei hat das Land auch einiges zu bieten und es gibt gleichermaßen einen Gegentrend von Städter*innen, die das Land für sich neu entdecken oder wieder zurückkommen. Wir wollen zum einen zeigen, welche Projekte sich auf dem Land finden und damit ein naturnäheres Leben auch für junge Menschen attraktiv machen. Zum anderen geht es uns um den bewussten Umgang mit Ressourcen – sei es beim Bau, in der Wirtschaft, dem Konsum oder der Ernährung. Das breite Angebot des Tiny Living Festivals 2019 spiegelt diese Themen wieder und zeigt den Besucher*innen praxisnah bei Workshops, was sie alles selbst umsetzen können.

Welche Auflage des Festivals war es?

Das Tiny Living Festival 2019 war das Erste seiner Art, aber bestimmt nicht das Letzte.

Wie und von welchen Institutionen/Personen wurde es finanziert?

Wir haben aktiv Förderanträge gestellt und auch regionale Unternehmen sowie Projekte für die Umsetzung des Tiny Living Festivals 2019 um Unterstützung gebeten. Die Liste der Förderer findet man auf unser Website.

Tiny Living Festival 2019 im Wendland - Offen für neue Ideen

Warum ausgerechnet im Wendland?

Warum nicht? Das Wendland ist schon lange ein wenig besonders. Spätestens durch die Anti-Atomkraft-Demonstrationen in den 70er und 80er Jahren kamen immer mehr Kreative, Aktivist*innen und Menschen mit dem Wunsch nach alternativen Wegen in den Landkreis. Viele sind geblieben und haben den Weg für weitere Projekte frei gemacht. Hier gibt es sicherlich kein reges Nightlife, U-Bahnen oder unendlich viele Menschen, die der nächsten Facebook-Challenge hinterherrennen. Dafür gibt es jedoch viel Platz, Natur und Menschen mit einem starken Schaffensdrang. Wir hatten auch keine Schwierigkeiten viele Mitwirkende aus der Region zu gewinnen, die sich mit ihren Unternehmen und Erfahrungen einbringen konnten. Das Wendland bietet sich für neue Wege als Versuchslabor einfach sehr gut an.

Ziel des Tiny Living Festivals 2019 sei es zusammenzukommen, sich auszutauschen, voneinander zu lernen und Spaß zu haben, hieß es in der Pressemitteilung. Wurde dieses Ziel erreicht?

Definitiv! Wir haben nach dem Festival sowohl Aussteller*innen und Vortragende als auch Besucher*innen nach ihrem Feedback gefragt und da waren sich alle einig: Das Tiny Living Festival 2019 fühlte sich schon fast familiär an und die Menschen haben sich rege untereinander ausgetauscht. Viele wollen im nächsten Jahr sogar als Helfer*innen mitwirken, so sehr haben sie sich mit den Themen identifiziert.

Wird es das Tiny Living Festival auch in 2020 geben?

Ja, wird es. Die zweite Auflage findet vom 04.-06. September 2020 an einer neuen Location, in Weitsche Lüchow, statt.

Die Entwicklung der Tiny House Szene bleibt spannend

Was denkt die Festivalleitung, wie wird es weiter gehen mit den kleinen Wohnformen?

Es gibt auf diese Frage keine Pauschalantwort. Tiny Houses sind eine von verschiedenen Möglichkeiten mit Ressourcen, wie Baumaterial und Energie, sparsamer umzugehen. Außerdem lassen sie sich leichter autark betreiben und versiegeln, bei mobilen Varianten, nicht den Boden. Das sind alles gute Gründe die Idee dieser Kleinwohnformen weiterzudenken. Aber natürlich sind Tiny Houses kein Allheilmittel für alle Probleme der Menschheit.

Sind sie wirklich die Lösung für den Wohnungsmangel in Städten? Das lässt sich zurecht bezweifeln. Können sie dort aber auf temporär brachliegenden, städtischen Flächen als Kitas für einige Jahre fungieren? Oder können dort kurzzeitig Coworkingspaces oder Werkstätten entstehen, die auf Rädern gebaut wieder wegfahren können, wenn die Flächen neu vergeben und verbaut werden sollen? Können sie auf der anderen Seite alte Hofanlagen auf dem Lande wieder zu neuem Leben erwecken, wenn junge Menschen mit einem Tiny House hinzukommen und sich eine Gemeinschaft formt?

Leider haben wir bisher also noch nicht die ultimative Lösung für alle Probleme finden können aber eines steht fest: Tiny Houses sind für bestimmte Einsatzzwecke sehr wohl sinnvoll. Wir beschäftigen uns natürlich auch mit der rechtlichen Komponente und kommunizieren dafür auch mit den Ämtern hier vor Ort. Wie es weiter geht, werden wir sehen. Aber wir hoffen natürlich auf legale Wohnmöglichkeiten in der Zukunft zusätzlich zu großflächig angelegten Tiny-House-Dörfern.

Tiny Living Festival 2019 - Es gibt noch viele Herausforderungen

Wo seht ihr die größten Herausforderungen bei der Bewegung?

Da gibt es wohl genauso viele, wie es verschiedene Menschen gibt, die sich innerhalb dieser „Bewegung“ tummeln. Es ist ja nicht so, als wären alle, die sich für Tiny Houses interessieren, gleich gestrickt. Aber natürlich geht es darum kleine Wohnformen mit den hierzulande gültigen Gesetzen in Einklang zu bringen. Dafür ist es wichtig, dass Tiny Houses als separate Wohnform akzeptiert werden und nicht exakt die gleichen Auflagen erfüllen müssen, wie ein vierstöckiges Betonhaus. Das steht sowohl vom Aufwand als auch vom Kosten-Nutzen in keinem Verhältnis zueinander. Wir reden heute, auch in der Politik, viel davon mit unserem Planeten sorgsamer umzugehen. Wenn sich die Menschen bewusst beim Bau von Häusern mit weniger zufrieden geben, sollte das belohnt und nicht bestraft werden.

Habt Ihr Lösungsansätze, bei denen ein Festival, den richtigen Raum schaffen kann, für ein großes Netzwerk?

Die Frage nach einer Community für den Austausch, die auch nach und vor dem Festival weiterlebt, haben wir schon einige Male im Team besprochen. Das Festival selbst würde dabei den Ankerpunkt bilden, um sich regelmäßig persönlich treffen zu können. An so einer Community haben wir auf jeden Fall großes Interesse aber auch wir als Initiator*innen und Gestalter*innen des Festivals müssen mit unseren Ressourcen momentan leider noch etwas sparsam umgehen. Jede*r engagiert sich größtenteils ehrenamtlich und ist zusätzlich in andere Projekte oder Anstellungen eingebunden. Wir haben viele tolle Ideen, aber leider nur endlich Zeit.

Wenn man ein eigenes Tiny House hat, wie könnte man am Festival partizipieren?

Je nachdem, was man selbst einbringen möchte und was man als Expertise anbieten kann. Entweder als Besucher*in, um sich weiterzubilden und mit Gleichgesinnten auszutauschen oder aber auch als Vortragende*r oder für einen Workshop. Wir sammeln verschiedene Vorschläge und entscheiden im Team, was passt.

Tiny Living Festival 2019 - Bewusst zu hinterfragen ist erst der Anfang

Seht ihr in Tiny House Bauern/Konstrukteuren und in Menschen, die sich auf verschiedenen Ebenen mit reduzierterem Wohnraum beschäftigen ein Zukunftsmodell?

Auf jeden Fall! Es bedeutet einfach eine Auseinandersetzung damit, wie wir heute wohnen und leben. Menschen, die den aktuellen Status Quo hinterfragen und sich auf die Suche nach nachhaltigeren Wegen begeben, sind ein wichtiger Teil unser aller Zukunft.

Welche Vorträge/Workshops fehlten noch in 2019?

Von „fehlen“ kann eigentlich nicht die Rede sein, aber natürlich spielen wir auch mit den Themen und sehen für mögliche zukünftige Festivals, was wir noch mit einbringen können. Momentan steht Permakultur ganz hoch im Kurs.

3 Tipps für Tiny House Bauer vom Tiny Living Festival?

  1. Mache dir klar, was du für ein Typ Mensch bist. Hältst du dich gerne draußen auf und benötigst keine großen Rückzugsräume? Gut! Denn diese Einstellung brauchst du, wenn du allein im Tiny House glücklich werden willst.
  2. Es gibt nicht das eine Tiny House. Genau wie bei „normalen“ Häusern auch, gibt es verschiedene Materiale und Baustile. Holz, Metall oder Lehm? Mobil oder stationär? Vollständig autark oder angeschlossen? Informiere dich, was am besten zu dir und deinen individuellen Anforderungen passt und natürlich auch, was du dir leisten kannst.
  3. Neu ist nicht immer besser. Besonders, wenn du selber bauen willst, lohnt sich der Blick in Tauschbörsen oder eBay Kleinanzeigen, der Gang auf den Flohmarkt oder den Sperrmüll. Dort gibt es viel Schönes für den Bau deines Hauses. Du sparst dabei und sorgst für eine Kreislaufwirtschaft.

 

Ein Buchtipp zum Thema?

Das kommt darauf an, was man sich vorstellt, ob man selber bauen oder kaufen will, ob man vollständig darin wohnen will oder nur als Zweitwohnsitz usw. Nur ein Buch pauschal zu empfehlen, würde dem Thema nicht gerecht.

Wir freuen uns auf die Neuauflage des Tiny Living Festivals in 2020

Wir bedanken uns bei Nicole Dau für das ausführliche Interview und den Einblick in das Tiny Living Festival 2019 und freuen uns bereits jetzt auf eine Neuauflage. Vielleicht sind wir dann ja schon mit unserem eigenen Tiny House vor Ort - wenn der Bau rechtzeitig abgeschlossen wird.

Weitere Festivalberichte, Beiträge über Tiny Houses und ihre Bewohner sowie zu Manufakturen der kleinen vier Wände, findest du bei uns unter Tiny House Community.


Bildnachweise

  1. Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Tiny Living Festival

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