Tiny House Anhänger abholen? Niederlande, wir kommen!

14. Juni 2020Marco Schaller

Es begann als ein Tag wie jeder andere: Aufstehen, Frühstück, Arbeitsbeginn. In der Mittagspause kurz die privaten Mails überflogen und das Handy wieder weggesteckt. Moment mal! Von welchem Absender war die letzte Mail? VLEMMIX-Anhangswaagens?

Endlich ist es soweit

So kurz und unscheinbar war die Mail, dass man sie beinahe überlesen hätte. Und doch ist es der Höhepunkt des Tages, denn uns wird gerade mitgeteilt, dass unser Anhänger fertiggestellt ist und auf seine Abholung wartet. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass alles ganz schnell gehen muss.

Da wir noch kein Zugfahrzeug haben, das einen solchen Trailer ziehen kann, rufe ich  schnell meinen Vater an. Er hat einen Pickup der Marke Mitsubishi, Modell L200 mit Anhängerkupplung - er kann uns bestimmt helfen. Ich gleiche mit ihm mögliche freie Samstage und/oder Sonntage ab. Als möglicher Termin, wenn wir den Anhänger nicht erst zu Weihnachten holen und unseren Termin mit dem Zimmermann einhalten wollen, bleibt nur ein Sonntag Ende August. Anschließend VLEMMIX per Mail antworten und das Datum fixieren – die Zeit bis zur Antwort dauert gefühlt eine Ewigkeit.

Doch das Warten lohnt sich: der Termin wird bestätigt; wir können unseren Trailer an besagtem Sonntag vor Ort abholen.

 

Direktabholung oder Lieferung?

Nach mehreren Wochen des Wartens ist endlich der große Tag gekommen – Wir holen unseren Anhänger ab. Drei Gründe sprachen für eine Abholung vor Ort:

  1. Die Direktabholung ist günstiger als die Lieferung nach Deutschland. Diese findet zudem nicht bis zur Haustür statt, daher müssten wir den Anhänger auch wieder selbst abholen.
  2. Aufgrund unseres Blogs/YouTube-Kanals wollen wir natürlich auch dieses Erlebnis für euch im Bild festhalten und kommentieren.
  3. Da wir später mit dem Tiny House durch die Welt ziehen wollen, ist mir der erste Eindruck während der Fahrt sehr wichtig gewesen.Hier lassen sich bereits einige interessante Erfahrungen bezüglich (vorausschauendem) Fahrverhalten, Einschätzung der Breite, Geschwindigkeit und Vieles mehr sammeln.

Gegen die Lieferung sprach eigentlich nur ein Punkt, nämlich die Zeit (in Summe: ein ganzer Tag) welche wir nur auf der Autobahn/im Auto verbringen würden.

Aber da ich meinen Vater nur sehr selten sehe, schlugen wir so zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir nutzen einfach die Gelegenheit uns mal wieder länger und intensiver auszutauschen. Somit haben wir das Nützliche gleich mit dem Angenehmen verbunden.


Der frühe Vogel... fängt sich eine!

So euphorisch wie wir bei dem Gedanken an die Abholung waren, so ernüchternd war die Tatsache des lauten Weckers, der sich am Sonntag gegen 04:30 Uhr bemerkbar machte. Wir hatten die geplante Abfahrt von 06:00 Uhr morgens auf 05:00 Uhr vorverlegt, um noch einen kleinen Sicherheitspuffer zu haben. Bei einer Strecke von circa 580 km weiß man ja nie. Nach dem müden Start in den Tag haben wir uns aber relativ schnell aufrappeln können. Das Ziel war dann doch sehr motivierend.

Schnell packten wir noch Obst, Flocker und Getreide ein, sattelten alles schnell in das Auto  meines Vaters um, und schon ging es los. Nachbarshund, ein wahrer Wachhund, wie er im Buche steht, stand nämlich schon Gewehr bei Fuß und bevor wir auch noch die letzten schlafenden Hunde wecken würden, war es ohnehin Zeit schnell zu verschwinden.Als wir auf die Autobahn fuhren, hatten wir die aufgehende Sonne im Rücken und konnten den Tagesbeginn miterleben. Langsam wurden mein Vater und ich gesprächig und quasselten munter darauf los – Jenny enthielt sich jedoch vorerst der Unterhaltung und nutzte die Rücksitzbank für ein ausgedehntes Nickerchen.

Im Land der Wohnwagen

Nach circa fünf Stunden Fahrt und Durchquerung des Ruhrgebietes überquerten wir bei Venlo die Grenze, was sich nicht zuletzt an der erhöhten Anzahl von Wohnwagengespannen zeigte. Als wir von der Autobahn abfuhren, konnte man auch gleich die niederländische Architektur bewundern, welche durch ihren ganz eigenen Stil besticht.Ein paar Kreisverkehre und Umleitungen später, hatten wir endlich unser Ziel erreicht und standen vor dem Firmengelände von VLEMMIX, in dem unser Anhänger auf uns wartete.

Vor verschlossener Tür – was jetzt?

Normalerweise sollte Sonntag von 10:00 – 16:00 Uhr geöffnet sein. Der Parkplatz war jedoch vollkommen leer. Auf unser Klingeln reagierte auch niemand. Ein mulmiges Gefühl machte sich breit.Hatten wir uns den falschen Termin notiert? War heute doch geschlossen?Ein (genauer) Blick in meine Emails sorgte für Erleichterung. Rick Vlemmix hatte den Trailer persönlich mit nach Hause genommen, da die Firma am Sonntag geschlossen hat. Zum Glück wohnt er nur wenige Minuten von unserem Standort entfernt, sodass wir fast keine Zeit verloren haben oder unnötige Umwege fahren mussten. Als wir ankamen wurden wir freundlich begrüßt und konnten endlich den Anhänger in Empfang nehmen.

Meinen Vater verschlug es bei den Abmessungen dann doch etwas den Atem. Einen Anhänger dieser Größenordnung hatte er wohl noch nie gefahren.Wir führten die Kontrolle durch, klemmten unser Nummernschild ein und hatten damit unser Gefährt erfolgreich abgeholt.Jetzt musste er nur noch angehangen werden und schon könnten wir losdüsen.


Fehler in der Elektrik – War der Ausflug umsonst?

Wie ich bei den kürzlich durchlaufenen Fahrstunden für die Klasse BE (mehr dazu hier) gelernt habe, gehört zum erfolgreichen Ankuppeln auch immer eine vollständige Prüfung der Rücklichter des Anhänger.
(An dieser Stelle einen recht herzlichen Dank an die Fahrschule Hummel.)

Fahrtlicht – CHECK
Bremsleuchten – CHECK
Nebelschlussleuchte – CHECK
Blinker – …
BLINKER, bitte!

Tja, die Blinker blieben dunkel. Und das ist ein großes Problem, denn so darf man nicht am Straßenverkehr teilnehmen, weder in den Niederlanden noch in Deutschland. Die ersten Schweißperlen kehren auf meine Stirn zurück. Auf der Fehlersuche schließen wir den Anhänger an ein anderes Auto an – alle Leuchten funktionieren vorschriftmäßig. Die Angelegenheit wird verwirrender als mein Vater erzählt, dass er erst vor einigen Tagen einen anderen Anhänger gezogen hat und dieser vollständig funktionierte.

Aber woran kann es dann liegen? Nach einer kurzen Diskussion wird uns klar, dass der Tiny House Trailer nicht nur deutlich mehr Positionsleuchten als ein normaler Anhänger ausweist, sondern aufgrund der Länge auch wesentlich mehr Kabellänge bis zu den Lichtern hat. Vielleicht ist ja der Fehler im Sicherungskasten des Zugfahrzeugs zu finden. Ein Austausch der Sicherung bringt den gewünschten Erfolg – endlich funktionieren alle Lichter.

Eine notwendige Rast

Nachdem wir alle Herausforderungen gemeistert haben, begeben wir uns auf den Rückweg nach Netzschkau. Schon auf den ersten Metern wird jedoch klar, dass man sich sehr schnell an die Breite des Anhängers gewöhnen muss. Dieser ragt auf beiden Seiten des Fahrzeugs circa 20 cm heraus und kann auf engen Straßen schnell zur Herausforderung werden. Als wir jedoch endlich auf der Autobahn sind, werden wir ruhiger und können endlich ein wenig Stress abbauen. Doch plötzlich melden sich unsere Mägen, die wir aufgrund der Anspannung in den letzten Stunden völlig vergessen haben – wir haben Hunger. Erst Jennys, dann meiner und anschließend muss sich auch mein Vater eingestehen, dass eine Rast überaus sinnvoll wäre.

Sofort starten wir eine leidenschaftliche Diskussion über mögliche Ziele. Zum einen müssen wir uns auf die Art des Restaurants einigen, Fast Food und Fertiggerichte scheiden für uns ohnehin aus, zum anderen brauchen wir auch etwas Bewegungsspielraum wegen des Anhängers. Die Wahl wird dadurch sehr eng, doch nach einer halben Stunde unermüdlicher Suche auf dem Smartphone, entscheiden wir uns für ein griechisches Restaurant. Mein Vater freut sich über die breiten Straßen, Jenny schmeckt das Tzatziki und ich bin einfach mit der Gesamtsituation zufrieden.

Die letzten Meter bei Dunkelheit

Frisch gestärkt gehen wir den letzten Teil der Heimreise an. Wir hatten geplant noch vor der Dämmerung zuhause zu sein, aber das Navi lässt mit der prognostizierten Ankunftszeit von 21 Uhr keine Zweifel daran, dass wir dieses Ziel verfehlen werden. Als wir bei Dunkelheit auf die Landstraße wechseln und die letzten Kilometer zurücklegen müssen, fahren wir sehr defensiv und bleiben vor Engstellen lieber länger stehen, wenn uns etwas entgegenkommt.

Zu oft haben wir auch schon auf der Autobahn das Erlebnis machen dürfen, dass andere Verkehrsteilnehmer kurz hinter unserem Pickup einscheren wollten.
Dieses Phänomen des „stark verkürzten oder gar fehlenden Sicherheitsabstandes“ konnten wir während der Fahrt mehrfach beobachten.
Auf einer Autobahnauffahrt im Ruhrgebiet wollte ein Fahrer eines anderen Fahrzeugs derartig knapp hinter unserem Pickup einscheren, dass er fast den Anhänger übersehen hat.
Bei dem darauffolgenden Gegenlenken entging er nur knapp der Kollision mit der Leitplanke.

Während ich noch darüber nachdenke, warum Menschen hetzen um ein paar läppische Sekunden zu gewinnen, dabei aber ihr Leben aufs Spiel setzen, fällt mir mein Vater in die Gedanken. Er schlägt vor, den Anhänger in einem Industriegebiet in der Nachbarstadt abzustellen, um sich nicht bei völliger Dunkelheit mit diesem Monstrum an der Anhängerkupplung durch enge Landstraßen quälen zu müssen. Gesagt, getan. Der Anhänger wird geparkt, mit einem Schloss gesichert und darf bis zum nächsten Sonnenaufgang warten. Etwas müde und etwas erschöpft begeben wir uns in unser Bett, philosophieren noch kurz über die Dinge, die in Zukunft auf uns zukommen werden und von all den Abenteuern, die wir mit unserem Tiny House erleben wollen. Es dauert nicht lange und ich höre Jennys gleichmäßige Atmung und auch mir fallen endgültig die Augen zu.


Am nächsten Tag, frisch gestärkt und mit ausreichend Tageslicht versehen, machen wir uns auf den Weg und holen unser mobiles Fundament nach Netzschkau. Zudem ergibt sich auf dem Heimweg noch ein schöner Blick auf die Göltzschtalbrücke und die ein oder andere Drohnensequenz. Wir haben es endlich geschafft – der Anhänger steht in Netzschkau.Hinter uns liegt ein aufregender Roadtrip, der uns dem Weg zum Tiny House einen Schritt näher gebracht hat.

Bei Licht betrachtet bekommt man ein erstes Gefühl für die Größe des Tiny House, aber auch für die Herausforderungen, die uns beim Transport erwarten werden. Mit einem riesigen Glücksgefühl starten wir in die neue Woche und malen uns die Zukunft schon in den schillernsten Farben aus. Wir lassen die Reise noch einmal Revue passieren und freuen uns, dass alles geklappt hat und uns auch kleine Widrigkeiten nicht aufgehalten haben.

Bis zum nächsten Mal, bei der Vorbereitung des Anhängers für den Aufbau.

Jenny und Marco

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