Tiny House Wände – Teil 1 – Unser Rohbau wächst in die Höhe

23. Oktober 2020Marco Schaller

Das Fundament unseres Häuschens, die Bodenplatte, haben wir bereits konstruiert und im letzten Beitrag darüber berichtet. Also können wir jetzt zum nächsten Schritt übergehen: dem Bau der Tiny House Wände. Wie wir die Wände genau geplant und gebaut haben und warum nicht alles reibungslos verlief, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

 

Es wird wieder eng in der Werkstatt

Die mittelgroße Zimmermanns-Werkstatt war mit dem Anhänger und der auf ihm konstruierten Bodenplatte gut gefüllt. So gut, dass wir uns entschieden, die Wand direkt auf der Bodenplatte zusammenzubauen. Dafür hobelte Jan kleinere Unebenheiten der Bodenplatte noch schnell weg, sodass die Wände später auch wirklich eben aufliegen konnten.

Die einzelnen Wände auf dem geraden Betonfußboden zusammenzuschrauben, hätte auch funktioniert, allerdings hätten wir dafür erst den Anhänger aus der Halle schieben müssen. Zudem hatte der Wetterbericht einen leichten Regenschauer angekündigt, warum also sollten wir ein Risiko eingehen?

Die Wand entsteht im Baukasten-Prinzip

Nachdem Jan und ich die Vorbesprechung zu den Wänden abgehalten hatten, ging es an die Vorbereitung. Jan schnitt, gemäß meiner Zeichnung, die einzelnen Balken auf das richtige Maß ab. Ich kümmerte mich derweil um das Anzeichnen der späteren Position eines jeden einzelnen Balkens.

In unserer Sketchup-Zeichnung sind, wie bereits beim Bau der Bodenplatte, die verschiedenen Balkenstärken durch farbliche Kennzeichnung voneinander getrennt.

  • Rot: 80x80mm
  • Gelb: 80x60mm
  • Weiß: 80x40mm
  • Grün: 80x30mm

Um die Arbeit hier zu verkürzen, legten wir die unteren Längs-Balken der Wand mit den oberen zusammen und konnten die Maße einfach übertragen. Man muss und soll sich ja die Arbeit schließlich nicht unnötig schwermachen, oder?

Nach und nach legte Jan die Stempel, also die senkrecht verlaufenden Balken, auf den Anhänger. Nachdem alle verfügbar waren, wurden die Stoßflächen wieder verleimt und anschließend jedes Holz mit dem oberen Längsbalken verschraubt. Jetzt hatten wir quasi einen „überdimensionalen Kamm“ hergestellt.

Die Holzlänge als limitierender Faktor?

Die Wand hat eine Gesamtlänge von 7,20 Meter, am oberen Längsbalken sind es sogar 7,80 Meter. Dieser Wert entsteht durch die Überstände im vorderen und hinteren Bereich. Da wir aber nur Holzbalken mit einer maximalen Länge von fünf Metern ordern konnten, ergab sich eine nicht unerhebliche Differenz. Aber sollen wir deswegen unser Tiny House drei Meter kürzer bauen?

Bloß nicht! Die Lösung ist für den Laien vielleicht nicht gleich ersichtlich, für den Zimmermann aber ganz einfach: Aus zwei einzelnen Balken wurde mittels einer Überplattung einfach ein zusammenhängender Balken hergestellt. Die Verschraubung an der Verbindungsstelle wurde gleich mehrfach ausgeführt, das sorgt für Stabilität. Zudem wurden auch die Stempel direkt durch die Überplattung angeschraubt. Das ergab in der Summe also vier Schrauben, die das Konstrukt zusammenhalten. Das passt!


Die Wand darf, kann, sollte…. MUSS gerade sein

Wir hatten ja schon bei der Bodenplatte fast einen halben Tag mit Vermessen und Ausrichten der Hölzer verbracht. Sollte das jetzt bei der ersten von vier Wänden wieder so werden?

Glücklicherweise nicht, denn die Wand ging wesentlich schneller auszurichten, als ich anfänglich befürchtet hatte. Und auch wenn die Seitenwände aufgrund ihres Aufbaus mit einem, nicht durchgehenden unteren Längsbalken wie die Bodenplatte in drei Segmente unterteilt wurden, so hatten wir doch einen Vorteil: Alle drei Abschnitte hatten einen gemeinsamen Bezugspunkt, nämlich den (zusammengesetzten) 7,80 Meter langen Längsbalken an der Oberseite.

Also wurde dieser mit den montierten Stempeln an der Bodenplatte, die ja perfekt ausgerichtet war, mit Schraubzwingen befestigt (also "angezwingt"). Jetzt konnten wir alle Stempel des vorderen Abschnitts in Position bringen, an den bereits angezeichneten Markierungen ausrichten, diagonal vermessen und die Stempel mit dem unteren Brett verschrauben. Das gleiche wieder mit dem hinteren Abschnitt gemacht. Und fertig war die erste Wand – also fast…

Die Radkästen nerven

Das mittlere Wandsegment, hat einen separaten Balken, welcher sich über den Radkasten spannt und die Last der Wand selbst und des Dachs entsprechend ableiten soll. Weil aber die Wandkonstruktion im liegenden Zustand - trotz Aussparung für den späteren Radkasten - nicht genau zwischen die Radkästen passte, mussten wir auch hier wieder tricksen.

Zuerst wurde also das vordere und hintere Wandsegment gefertigt, anschließend hoben wir das komplette Konstrukt an der Unterseite an, haben es abgestützt, wieder zigfach (aufgrund der geänderten Lage der Wand) vermessen und montierten schlussendlich den Längsbalken, welcher sich später über die Radkästen spannen wird.


Ein großes Durcheinander in der Reihenfolge

Eigentlich sollte der Bau der Bodenplatte komplett abgeschlossen sein, bevor wir zum Aufstellen der Tiny House Wände übergehen. Aber manchmal läuft es eben anders als man denkt. In unserem Fall bedeutet das, dass wir die Dämmung noch nicht vollständig im Boden und deswegen die Dampfbremse auch noch nicht verklebt hatten. Jan drängte aber bereits darauf die Wände aufzustellen. Was tun?

Damit der Zeitplan nicht kollabierte, stellten wir die langen Seitenwände auf ihre Position, tackerten vorher die Dampfbremse darunter fest und konnten diese später, zur abschließenden Einbringung der Dämmung, hochklappen und den Boden fertigstellen. Einen weiteren Aufschub gab es nicht, denn für das Aufstellen der kurzen Querwände (vorne und hinten) muss der Boden fertig sein.

Aus dem Ablauf

  • Dämmung einbringen
  • Dampfbremse installieren
  • Alle vier Wände aufstellen

wurde jetzt also

  • Dampfbremse anbringen (teilweise)
  • seitliche Wände aufstellen
  • Dämmung abschließen
  • Dampfbremse festtackern und verkleben
  • Querwände aufstellen.

Und es sollte noch ein zusätzlicher Aufwand auf uns warten, von dem wir bis dato nichts wussten.

Beim Aufstellen der Tiny House Wände ist Kraft gefragt

Der Rohbau der Wände besteht eigentlich nur aus ein paar Fichtenholzbalken, aber diese bringen in Summe einiges an Gewicht auf die Waage. Spätestens als Jenny und ich versuchten die Wand anzuheben, wurde uns das schlagartig klar. Zum Glück konnten wir aber auf Jans kleinen Deckenkran in der Halle zurückgreifen.

Damit die Wände beim Anheben nicht am zusammengesetzten oberen Längsbalken auseinander brachen, befestigten wir daran mit Schraubzwingen einen Stützbalken und führten ein Seil sowohl zur linken als auch zur rechten Seite der Wand. Die Wand wurde dadurch nicht punktuell belastet, sondern zumindest leicht verteilt. Zudem unterstützten wir den Kran auch selbst tatkräftig beim Anheben.

Das war auch notwendig, denn aufgrund der niedrigen Deckenhöhe und des eingesetzten Seils, konnte die Wand nur bis zu einem Winkel von ungefähr 45° aufgestellt werden. Der Rest musste dann durch Jan und mich nach oben gedrückt werden. Und zack: Schon stand die erste Wand – aber noch ungesichert. Schließlich mussten wir sie erst noch an den richtigen Platz bugsieren.

Das Einmessen erforderte aber etwas mehr Aufwand und Zeiteinsatz, schließlich sollen die Wände (wie alles andere) schön gerade werden. Und es wäre doch schade, einen halben Tag lang die Bodenplatten ausgerichtet zu haben und jetzt die Wände schief darauf zu setzen. Wir nutzten dazu eine einfache Richtschnur, um an dieser die einzelnen Wandsegmente in eine Flucht zu bringen.

Jetzt schraubten wir die erste Wand am unteren, 30mm starken, längsverlaufenden Holzbalken mit der Bodenplatte zusammen und schon hielt das Konstrukt ohne unsere Unterstützung. Das mussten wir natürlich auch gleich austesten und nahmen an der Position unseres späteren Café-Fensters Platz. Ein herrliches Gefühl, zum ersten Mal mit unserem zukünftigen Tiny House interagieren zu können.

Nach der Wand ist vor der Wand

Unsere Glücksgefühle ausgelebt, starteten wir mit der Konstruktion von Wand Nummer zwei. Da wir mittlerweile Erfahrung hatten, ging der Vorgang diesmal etwas schneller.

Einzelteile auf die passende Länge zurecht sägen (ablängen), auflegen, anzeichnen, Leim auftragen und verschrauben. Vor dem Aufstellen der Tiny House Wände vorher wieder die Löcher der Bügelschrauben an der Bodenplatte versiegelt, die Dampfbremse festtackern, die Wand aufstellen und verschrauben. Fertig!

Doch mitten in unsere Freude mischte sich meine „Hoppla“-Miene. Denn mir fiel auf, dass wir bei der ersten Wand die Versiegelung der Bügelschrauben-Löcher vergessen hatten. Och nööö! Wie konnte denn das passieren?


Öfter mal nach links und rechts schauen

Da arbeitet man schon konzentriert, quasi im Scheuklappen-Modus, aber vergisst dann einen so wichtigen Schritt. Wie ihr euch vorstellen könnt, waren wir alles andere als erfreut. Aber nicht nur wegen des Fehlers sondern auch aufgrund des Zeitplans, der durch solche Eskapaden eben in Bedrängnis kommt.

Wie wir das Problem gelöst haben und ob wir den Zeitplan noch einhalten konnten, erfahrt ihr im zweiten Teil des Beitrags zum Bau der Tiny House Wände.

Bis bald.

Marco & Jenny


Bildnachweise

Alle Bilder: Tiny House Tour

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