Tiny House Wandaufbau – Teil 2 – Endlich stehen alle Wände

2. November 2020Marco Schaller

Im letzten Beitrag zum Tiny House Wandaufbau hatten wir bereits zwei Wände aufgestellt, als wir bemerkten, dass sich ein gravierender Fehler eingeschlichen hat: Wir hatten vergessen, die Öffnungen rund um die Bügelschrauben unter der ersten Wand zu versiegeln. Was jetzt?

Keine Zeit für lange Gesichter

Gefühlt wollten wir die Hütte gleich wieder abreißen, aber Jan munterte uns auf. „Nicht lange sinnieren, einfach korrigieren“ lautete die Devise. Wir haben den Fehler eingebaut, also können wir ihn auch beheben. Bevor wir aber an die Arbeit machten, um meine Baufehler auszumerzen, riet Jan dazu, erst die oberen Querbalken für das Schlafzimmer zu installieren. Anschließend wollten wir uns die exakte Position der ersten Wand am Boden anzeichnen, die Verschraubung lösen und die Holzkonstruktion vorsichtig um ein paar Zentimeter nach innen verschieben.

Anschließend konnten wir die Tackernadeln lösen, die Dampfbremse anheben und die Versiegelung anbringen. Dann das Ganze wieder retour und niemand würde je davon erfahren, dass unser Bau nicht ganz problemlos war. Naja, das wohl nicht. Wir stehen zu unseren Fehlern und teilen diese auch gerne mit euch, denn so können wir und andere daraus lernen.

Dicke Balken für unsere Loft-Ebene

Bei der Loftetage, also den Querbalken, welche die linke und rechte Wand verbinden, hatte ich Balken mit den Abmessungen 60x60mm geplant. Während der Besprechung dazu, empfahl Jan für das Schlafzimmer eher 80x60mm Balken, da hier das Gewicht von mir und Jenny, einer großen Matratze, eines Lattenrostes und einigen Klamotten aufliegen wird. Und zwar zeitgleich.

Die dickeren Schlafzimmer-Balken wurden auf der Unterseite bündig mit den Büro-Balken angebracht, was dazu führte, dass diese nach oben über die Wände herausschauen. Jan schnitt die Balken aber derart in Form, dass diese nicht nur bündig an der Wand an-, sondern auch auf dieser auflagen. Bei der Verschraubung schossen wir dann ganz den Vogel ab.

Wir nahmen je Seite zwei Schrauben seitlich (6,0 x 120mm), zwei Schrauben von oben (6,0 x 80mm) und zwei weitere Schrauben (5,0 x 60mm), die kurz nach der Verbindungsstelle einfach in die Querbalken geschraubt wurden. Die beiden zusätzlichen Schrauben sorgen dafür, dass das Holz an der Übergangsstelle wesentlich belastbarer ist und nicht so leicht bricht. Mir war diese Technik bis dato vollkommen unbekannt.

Im Büro haben wir weniger Belastung, teilweise auch geringere Spannweiten und können somit bei den geplanten Dimensionen von 60x60mm bleiben. Nachdem wir das oben beschriebene Problem der unversiegelten Bügelschrauben-Löcher behoben hatten, zogen wir auf Anraten unseres Statikers noch einen zusätzlichen Querbalken in der Mitte des Tiny Houses ein, welcher verhindern soll, dass die spätere Dachlast die Wände nach rechts und links auseinanderdrückt. Eigentlich wollten wir ja in dem Bereich alles freilassen, aber wenn die Fachleute sprechen, müssen wir das so hinnehmen.

Vielleicht kann man diesen Balken später ja auch sinnvoll in das Tiny House integrieren und nutzen. Für ein Regal, zusätzliche Staufläche oder vielleicht für ein Netz in Richtung Büro-Loft. Wer weiß…

In die richtigen Bahnen gelenkt

Wie schon oft erwähnt, ist Holz zwar ein wunderbarer Werkstoff, da ein natürlicher Rohstoff, aber manchmal eben auch etwas widerspenstig. Die oberen Wände verliefen nicht schnurgerade und drängten etwas nach außen. Die von uns genutzten Schrauben haben zwar einen Zusammenzieh-Effekt, doch funktioniert dieser nur auf die letzten Millimeter. Möglicherweise zu wenig, um ausreichend Zug aufzubauen und die Wände nach innen zu bewegen.

Jan sah das ähnlich und nahm kurzerhand einen Spanngurt zu Hilfe. Mit diesem zogen wir die Wände zusammen, sodass diese exakt am Querbalken anlagen. Jetzt konnten die Schrauben ihren Vorteil ausspielen und sich die Holzteile ohne einen Mikromillimeter Luft dazwischen miteinander verbinden.

Zwei Wände fehlen noch

Die beiden längsverlaufenden Wände standen, jetzt mussten noch die vordere und hintere Wand gebaut und aufgestellt werden. Wie schon bei den Längeren wurden diese vorgefertigt, um später an die richtige Stelle gestellt und befestigt zu werden. Das vordere Segment bestand im Wesentlichen aus zwei Stempeln und zwei kleinen Balken, die den unteren und oberen Sturz des späteren Badezimmer-Fensters darstellen. Am hinteren Segment war das Ganze ähnlich, jedoch wesentlich schmäler, da unser Eingangsbereich die Wände entsprechend verkürzt. Seitliche Balken gab es nicht, da sich Längs-und Querwände über Eck einen Solchen teilen.

Bevor wir uns aber weiter dem Tiny House Wandaufbau hingaben, zogen wir noch schnell die Dampfbremse glatt und tackerten diese fest. Denn nachdem die Wände aufgestellt sind, ist das nicht mehr möglich. Am schnellsten ginge das mit einem elektrischen Tacker, aber Jans muskelbetriebene Variante tat ihren Job mindestens genauso gut.

Vom Winde verweht? Nicht mit unserer Konstruktion

Nachdem die Wände aufgestellt und verschraubt waren, konnten wir die oberen Querbalken anbringen und hatten damit einen umlaufenden Ringanker (wie bei einem normalen Gebäude, nur eben aus Holz) vervollständigt. Der Stabilität halber wurden diese oberen Wandbalken mit denen der anderen Wände mittels einer Überplattung verbunden. Durch die zusätzliche Sicherung mit Holzschrauben hält die Konstruktion mindestens einen Tornado aus.

Zumindest nehmen wir (und unser Statiker) das an. Auf einen Praxistest würden wir jedoch gerne verzichten!

Zu guter Letzt wurden noch die diagonalen Aussteifungen eingebaut. Und das ging wirklich erstaunlich fix, denn die Balken wurden auf ein annähernd passendes Maß abgelängt, an die Wand in Position gehalten, die Überstände mit Bleistift angezeichnet, entsprechend abgesägt und mit kräftigen Hammerschlägen an die Position gebracht.

Anschließend wurden die Daigonalbalken an jedem Ende doppelt mit den anderen Balken verschraubt, damit die Zug- und Druckkräfte während der Fahrt (oder auch auch während eines Taifuns) ordentlich abgeleitet werden können. Und siehe da:

Der Tiny House Wandaufbau ist fertig

Zum ersten Mal stehen jetzt also alle vier Wände, sind miteinander verschraubt und bieten so viel Stabilität, dass man sogar darauf herumklettern kann. Ein tolles Gefühl!

Aber wir merkten auch, dass wir jetzt für jede noch so kleine Schraube, einen Marathon laufen mussten, da die Abkürzungen durch das Tiny House immer seltener wahrgenommen werden konnte. Mal ist ein Fenstersturz im Weg, mal eine diagonale Aussteifung. Und zu allem Übel stößt man sich dauernd den Schädel an einem eingezogenen Balken an – so schnell stellt sich der Kopf wegen kürzlich eingezogener Bretter eben doch nicht um. Dies wird mir mehrfach schmerzlich bewusst.

Jetzt fehlen nur noch die Details

Ein wichtiger Punkt, der Jan sofort ins geübte Auge fiel, ist der Überstand der oberen Balken im Eingangsbereich. Normalerweise gibt es einen Eckbalken, der die spätere Dachlast nach unten abführt, aber nicht hier. Damit das Haus später an dieser Stelle aber nicht durchhängt, einigten wir uns darauf, Lastabtragungen in Form zweier diagonal verlaufenden Holzbalken anzubauen.

Diese verkürzen den Dachüberstand und verringern die Möglichkeit eines sich biegenden Balkens. Genau wie die massiven Eckbalken sind auch die diagonalen Stützen ebenfalls in 80x80mm gehalten.

Nachdem alle Arbeiten an den äußeren Abschnitten beendet waren, ging es nach innen. Denn für den vollständigen Tiny House Wandaufbau fehlte noch die Badezimmer-Wand. Wir hatten tatsächlich die Möglichkeit eines offenen Badezimmers diskutiert, aber dann zugunsten der Geräuschkulisse, Privatsphäre und der Bequemlichkeit darauf verzichtet. Man stelle sich vor, wir haben Gäste und alle müssen erst das Haus verlassen, bevor eine Person die Toilette benutzen kann.

Da wir im Innenraum nicht auf die massive Dämmstärke von 80 Millimetern kommen müssen und 40mm Wandstärke zu dünn für eine spätere Tür sind, haben wir uns für den Mittelweg, nämlich eine Balkenstärke von 60x60mm entschieden. Zwei Balken, auf dem Boden, werden direkt mit dem darunter liegenden Querbalken der Bodenplatte verschraubt. Das gibt Stabilität. Stichwort: Orkan!

Die Stempel der Wand wurden von oben durch einen der Querbalken des Schlafzimmers fixiert und nach unten in die gerade befestigten Querbalken geschraubt. Somit erhielt das Schlafzimmer auch gleich eine Stütze in doppelter Form und damit eine geringere Chance, sich durchzubiegen. Mitdenken beim Tiny House Wandaufbau spart Gewicht und Material!

Alles befestigt? Noch lange nicht!

Für die abschließende Befestigung der Wände hatte ich mir noch ein Schmankerl überlegt, denn die unteren Balken (oder Bretter) der Wände mit gerade einmal 30mm flößten mir nicht allzu viel Vertrauen ein. Und die Stempel jeder Wand waren ja nur mit diesem dünnen Brett verschraubt, welches wiederum an der Bodenplatte angebracht war. In Summe hätte es wohl gereicht, aber ich wollte mehr Stabilität. Ihr wisst schon: Falls mal ein Hurrikan vorbeizieht.

Das führte dazu, dass wir daran gingen, 14cm lange und 8mm starke Schrauben von unten durch die komplette Bodenplatte in die Stempel zu schrauben. Somit hatten wir jetzt die 80mm starken Holzbalken am Boden direkt mit den Stempeln verbunden. Sollte die Wand jetzt also „umfallen“ wollen, müsste sie vorher unsere massive Bodenplatte auseinanderbrechen. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Damit waren meine Zweifel ob der Stabilität also verschwunden und zwei weitere Stunden Bauzeit ebenso. Aber das war es wert, denn jetzt hatten wir die Bodenplatte und den Tiny House Wandaufbau komplett fertiggestellt. Jetzt dämmerte uns auch langsam, was wir bis jetzt schon geschafft hatten. Manchmal kam das aufgrund der Hektik am Bau, der Anspannung bei Überlegungen oder dem Geblödel während des Tages einfach zu kurz.

Einfach mal den Augenblick genießen

Da stand nicht nur ein Holzrahmen-Bau, nein da stand ein Tiny House! Oder besser ein Tiny House ohne Dach. Also ein Rohbau eines Tiny Houses ohne Dach.

Zugegeben, eigentlich nur ein Anhänger, auf welchem die Bodenplatte mit den montierten Wänden thronte. Aber für uns war das schon ein riesiger Schritt vorwärts, denn der Holzbau ging mit riesigen Schritten auf die Bauphase Dach zu. Aber dafür muss unser Haus ja erst einmal umziehen, denn die Halle ist viel zu klein, um jetzt noch ein ordentliches Dach zu montieren.

Aber wo wir unser Tiny House hingestellt haben und warum beim Dachbau auch nicht alles reibungslos vonstatten ging, davon berichten wir im nächsten Beitrag.

Bis bald

Marco & Jenny


Bildnachweise

Alle Bilder: Tiny House Tour

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